Altersvorsorge für Selbstständige: was wirklich funktioniert
Kein Arbeitgeber, kein Automatismus, keine Erinnerung vom Amt: Wer selbstständig ist, muss die Altersvorsorge komplett selbst organisieren. Welche Bausteine sich rechnen – und warum das Geschäft selbst kein Vorsorgeplan ist.
Als Angestellter passiert Altersvorsorge halb von allein: Der Beitrag geht vom Brutto ab, einmal im Jahr kommt die Renteninformation, und selbst wer sich nie damit befasst, hat am Ende etwas. Als Selbstständiger passiert nichts – außer, du machst es.
Das ist der eigentliche Grund, warum Selbstständige im Alter überdurchschnittlich oft schlecht dastehen. Nicht mangelndes Einkommen, sondern eine fehlende Struktur.
Erste Frage: Bist du überhaupt versicherungsfrei?
Viele Selbstständige gehen wie selbstverständlich davon aus, dass sie nichts mit der gesetzlichen Rentenversicherung zu tun haben. Das stimmt oft, aber längst nicht immer. Pflichtversichert sind unter anderem:
- Handwerker in zulassungspflichtigen Gewerken (bis zu einer bestimmten Zahl an Beitragsjahren)
- Selbstständige Lehrer, Erzieher und Pflegekräfte ohne versicherungspflichtige Angestellte
- Künstler und Publizisten über die Künstlersozialkasse
- Sogenannte arbeitnehmerähnliche Selbstständige – wer im Wesentlichen für einen einzigen Auftraggeber arbeitet
- Freie Berufe mit Kammer (Ärzte, Anwälte, Architekten und andere) über ihr Versorgungswerk
Diese Frage steht bewusst am Anfang: Wer pflichtversichert ist und es nicht weiß, bekommt irgendwann eine Nachforderung, die richtig unangenehm werden kann.
Vor der Vorsorge kommt die Absicherung
Ich weiß, das ist nicht die Reihenfolge, die man hören will. Aber sie ist entscheidend: Der häufigste Grund, warum die Altersvorsorge von Selbstständigen scheitert, ist nicht der falsche Fonds, sondern ein Einkommensausfall.
Ohne Lohnfortzahlung, ohne Krankengeld ab dem ersten Tag und ohne Kollegen, die den Laden weiterführen, hängt alles an deiner Arbeitskraft. Deshalb gehören Berufsunfähigkeitsschutz und Krankentagegeld vor jeden Sparplan – und der Notgroschen ist bei Selbstständigen eher sechs bis zwölf Monatsausgaben groß als drei.
Die Bausteine, die sich in der Praxis bewähren
1. Rürup / Basisrente
Der Klassiker für Selbstständige mit hoher Steuerlast: Die Beiträge sind als Sonderausgaben absetzbar, die spätere Rente wird versteuert. Für gut verdienende Selbstständige ist das ein spürbarer Hebel.
Der Preis dafür ist Unbeweglichkeit. Das Kapital ist nicht kündbar, nicht auszahlbar und nur eingeschränkt vererbbar – es kommt ausschließlich als lebenslange Rente zurück. Im Gegenzug ist es in der Ansparphase pfändungsgeschützt, was bei unternehmerischem Risiko ein echtes Argument ist.
2. Freiwillige Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung
Unterschätzt und für viele sinnvoller als gedacht: lebenslange Rente, Inflationsanpassung über die Rentenanpassung, dazu Ansprüche auf Erwerbsminderungs- und Hinterbliebenenrente, wenn genug Beitragszeiten zusammenkommen. Als alleiniger Baustein zu schwach, als Fundament aber solide.
3. Depot mit ETFs oder Fonds
Maximale Flexibilität, niedrige Kosten, jederzeit verfügbar – dafür kein Steuervorteil in der Ansparphase. Für Selbstständige mit schwankenden Einnahmen oft der praktikabelste Baustein, weil Raten jederzeit pausiert und wieder aufgenommen werden können. Wie so ein Sparplan aufgebaut ist, steht im Beitrag zum ETF-Sparplan.
4. Ab 2027: das Altersvorsorgedepot
Zum ersten Mal sollen Selbstständige direkt förderberechtigt sein. Wer heute überlegt, größere Summen langfristig zu binden, sollte das mitdenken – Details im Artikel zum Altersvorsorgedepot.
| Rürup / Basisrente | Freies Depot | |
|---|---|---|
| Steuer in der Ansparphase | Beiträge absetzbar | Kein Vorteil |
| Verfügbarkeit | Erst als lebenslange Rente | Jederzeit |
| Pfändungsschutz | In der Ansparphase gegeben | Nicht gegeben |
| Vererbbarkeit | Nur über Zusatzbausteine | Vollständig |
| Passt zu | Hoher, stabiler Steuerlast | Schwankendem Einkommen |
„Meine Firma ist meine Altersvorsorge.“ Diesen Satz höre ich oft – und er geht erstaunlich häufig schief. Ein Betrieb lässt sich nur verkaufen, wenn er ohne den Inhaber funktioniert. Bei Einzelunternehmern, deren Kunden wegen der Person kommen, ist der Verkaufswert am Ende oft ein Bruchteil des Erwarteten. Als Bonus ist ein Unternehmensverkauf großartig. Als einziger Plan ist er eine Wette.
Die Steuerrücklage nicht vergessen
Ein praktischer Hinweis, der mit Vorsorge auf den ersten Blick nichts zu tun hat und in der Realität alles entscheidet: Wer keine getrennte Steuerrücklage führt, plündert früher oder später den Sparplan, um eine Nachzahlung zu bezahlen. Ein separates Konto, auf das nach jeder Rechnung ein fester Prozentsatz wandert, rettet mehr Altersvorsorge als jede Produktauswahl.
Fazit
Für Selbstständige gibt es kein einzelnes Produkt, das alles löst. Was funktioniert, ist eine Kombination: Absicherung der Arbeitskraft zuerst, dann ein steuerlich geförderter Baustein, wenn die Steuerlast hoch ist, und daneben ein flexibles Depot für alles, was schwanken darf.
Und vor allem: eine Reihenfolge, die zu deinen tatsächlichen Einnahmen passt – nicht zu einem Musterkunden aus einem Produktprospekt.
