Einkommensschutz

Berufsunfähigkeitsversicherung: worauf es im Vertrag wirklich ankommt

Deine Arbeitskraft ist dein größtes Vermögen – und der Staat springt kaum ein. Welche Klauseln über Leistung oder Ablehnung entscheiden, wie hoch die Rente sein sollte und warum die Gesundheitsfragen der heikelste Teil sind.

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Abeska Jan
Geschäftsführer
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Rechne es einmal aus: Wer mit 30 noch 37 Jahre bis zur Rente hat und 3.000 € netto verdient, verdient in diesem Berufsleben über 1,3 Millionen Euro. Das ist der Wert, um den es geht – und es ist der einzige große Vermögenswert, den die meisten Menschen nicht versichern.

Das Auto ist versichert. Das Handy ist versichert. Die Arbeitskraft, die alles bezahlt, oft nicht.

Was der Staat leistet – und was nicht

Wer nach 1961 geboren ist, hat keinen Anspruch mehr auf eine Berufsunfähigkeitsrente vom Staat. Es gibt nur die Erwerbsminderungsrente, und die funktioniert anders, als die meisten denken:

  • Sie fragt nicht nach deinem Beruf, sondern danach, ob du irgendeine Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt ausüben kannst.
  • Volle Erwerbsminderung gibt es erst, wenn du unter drei Stunden täglich arbeiten kannst – in irgendeinem Job.
  • Die Beträge sind niedrig. Für die meisten liegt eine volle Erwerbsminderungsrente deutlich unter dem, was zum Leben nötig ist.

Konkret heißt das: Ein Dachdecker, der nicht mehr aufs Dach kann, aber theoretisch acht Stunden an einer Pforte sitzen könnte, bekommt vom Staat nichts.

Der häufigste Irrtum: BU ist keine Unfallversicherung

Viele verbinden Berufsunfähigkeit mit einem Sturz vom Gerüst. Tatsächlich sind Unfälle nur für einen kleinen Teil der Fälle verantwortlich. Die häufigsten Ursachen sind psychische Erkrankungen – Depression, Burnout, Angststörungen – gefolgt von Erkrankungen des Skeletts und Bewegungsapparats sowie Krebs.

Das ist auch der Grund, warum eine Unfallversicherung eine BU nicht ersetzt. Sie deckt den selteneren Teil des Risikos ab.

Wie hoch sollte die BU-Rente sein?

Als Richtwert gelten 60 bis 80 % des Nettoeinkommens. Denk daran, dass laufende Kosten weiterlaufen: Miete oder Kredit, Krankenversicherung, Altersvorsorge – und die musst du im Leistungsfall selbst tragen.

Wichtig ist außerdem das Endalter: Der Vertrag sollte bis zum regulären Renteneintritt laufen, also meist bis 67. Eine BU, die mit 60 endet, lässt dich genau in den Jahren allein, in denen das Risiko am höchsten ist. Und die Beitragsersparnis dafür ist gering.

Die Klauseln, auf die es ankommt

Hier entscheidet sich, ob ein Vertrag im Ernstfall trägt. Die Punkte, die ich in jeder Police prüfe:

  • Verzicht auf abstrakte Verweisung. Ohne diesen Verzicht darf der Versicherer sagen: „Sie könnten theoretisch als Pförtner arbeiten“ – und muss nicht zahlen. Ein Vertrag ohne diesen Verzicht ist heute nicht mehr zeitgemäß.
  • Prognosezeitraum sechs Monate. Geleistet wird, wenn du voraussichtlich mindestens sechs Monate zu mindestens 50 % berufsunfähig bist. Manche alten Verträge verlangen drei Jahre.
  • Rückwirkende Leistung. Wenn du sechs Monate ununterbrochen berufsunfähig warst, sollte ab Beginn gezahlt werden – nicht erst ab Antragstellung.
  • Nachversicherungsgarantie. Damit erhöhst du die Rente ohne erneute Gesundheitsprüfung, wenn sich dein Leben ändert: Heirat, Kind, Immobilienkauf, Gehaltssprung. Das ist der Punkt, der jungen Menschen mit kleiner Einstiegsrente am meisten bringt.
  • Beitrags- und Leistungsdynamik. Ohne Dynamik ist eine heute vereinbarte Rente in 25 Jahren real deutlich weniger wert.
  • Keine Arztanordnungsklausel. Sonst kann der Versicherer die Leistung von medizinischen Maßnahmen abhängig machen.
  • Bei Selbstständigen: Umorganisationsklausel. Prüfe genau, unter welchen Bedingungen dir der Versicherer eine Umgestaltung deines Betriebs zumuten darf.

Die Gesundheitsfragen sind der heikelste Teil des Antrags. Sie müssen vollständig und wahrheitsgemäß beantwortet werden – wer eine Therapie oder eine Rückenbehandlung „vergisst“, riskiert, dass der Versicherer im Leistungsfall wegen Verletzung der vorvertraglichen Anzeigepflicht vom Vertrag zurücktritt. Dann waren alle Beiträge umsonst. Wenn du Vorerkrankungen hast, ist der richtige Weg eine anonyme Risikovoranfrage: Mehrere Versicherer prüfen den Fall, ohne dass dein Name registriert wird. Eine offizielle Ablehnung ist dagegen aktenkundig und erschwert jeden weiteren Antrag.

Warum früh abschließen so viel ausmacht

Der Beitrag richtet sich nach Alter, Gesundheitszustand und Beruf. Alle drei Faktoren sprechen für früh:

  • Mit 25 ist der Beitrag deutlich niedriger als mit 40 – und er bleibt es für die gesamte Laufzeit.
  • Mit 25 hat kaum jemand eine Krankenakte. Genau die entscheidet später über Zuschläge, Ausschlüsse oder Ablehnung.
  • Für Auszubildende, Studenten und Berufsanfänger gibt es Einsteigertarife mit späterer Erhöhungsoption.

Wenn eine BU nicht möglich ist

Es gibt Berufe und Vorerkrankungen, bei denen eine BU zu teuer oder nicht zu bekommen ist. Dann sind Alternativen besser als gar nichts:

  • Grundfähigkeitsversicherung – leistet beim Verlust definierter Fähigkeiten wie Sehen, Gehen, Heben, Hände gebrauchen.
  • Erwerbsunfähigkeitsversicherung – knüpft wie der Staat an die allgemeine Erwerbsfähigkeit an, ist dafür günstiger.
  • Schwere-Krankheiten-Versicherung – zahlt eine Einmalsumme bei definierten Diagnosen.

Keine davon ist so gut wie eine echte BU. Aber alle sind besser als der Blick auf eine Erwerbsminderungsrente, die nicht reicht.

Fazit

Die Berufsunfähigkeitsversicherung ist die Versicherung mit dem größten Unterschied zwischen gutem und schlechtem Vertrag. Zwei Policen können auf dem Papier gleich aussehen und im Ernstfall völlig verschieden ausgehen – der Unterschied steht in den Bedingungen, nicht im Preis.

Wenn du wissen willst, ob dein Vertrag hält, was er verspricht: Schick mir deine Police, ich schaue sie mir an. Und wenn sie gut ist, sage ich dir das auch.

BU-Schutz prüfen lassen?

Ob dein bestehender Vertrag im Ernstfall trägt, entscheidet sich in den Bedingungen – nicht im Preisvergleich. Trag dich ein, dann schaue ich mir deine Police an oder wir klären, was für dich überhaupt versicherbar ist.

Häufige Fragen

Wie hoch sollte die BU-Rente sein?
Als Orientierung gelten 60 bis 80 Prozent des Nettoeinkommens. Im Leistungsfall laufen Miete oder Kredit, Krankenversicherung und Altersvorsorge weiter und müssen aus der Rente bezahlt werden.
Was bedeutet abstrakte Verweisung?
Ohne einen Verzicht auf die abstrakte Verweisung kann der Versicherer die Leistung ablehnen, weil man theoretisch einen anderen Beruf ausüben könnte – auch wenn man diesen Job gar nicht hat. Ein moderner Vertrag verzichtet darauf ausdrücklich.
Reicht die staatliche Erwerbsminderungsrente nicht aus?
In aller Regel nicht. Sie fragt nicht nach dem erlernten Beruf, sondern nach der Fähigkeit, irgendeine Tätigkeit auszuüben, und die volle Rente gibt es erst unter drei Stunden Arbeitsfähigkeit täglich. Die Beträge liegen für die meisten deutlich unter dem Bedarf.
Was passiert, wenn ich bei den Gesundheitsfragen etwas vergesse?
Der Versicherer kann wegen Verletzung der vorvertraglichen Anzeigepflicht vom Vertrag zurücktreten und die Leistung verweigern. Deshalb sollten Vorerkrankungen sorgfältig zusammengetragen und im Zweifel über eine anonyme Risikovoranfrage vorab geklärt werden.
Ab wann sollte man eine BU abschließen?
So früh wie möglich – idealerweise in der Ausbildung, im Studium oder zum Berufsstart. Beitrag und Annahmechancen hängen von Alter und Gesundheitszustand ab, und beide sind mit 25 günstiger als mit 40.